Wenn Hilfe suchen selbst zur Belastung wird
Wer psychisch belastet ist, sollte nicht zuerst lernen müssen, wie Psychotherapeutische Sprechstunde, Akutbehandlung, Probatorik, Richtlinienpsychotherapie, Vermittlungscode, Krankenkasse und Terminservicestelle zusammenhängen.
Genau hier liegt die Versorgungslücke, die wir untersuchen wollen: Nicht nur die Frage, ob Angebote existieren, sondern ob Hilfesuchende den passenden Zugang tatsächlich verstehen, erreichen und bis zu einem sinnvollen Anschluss nutzen können.
Unsere Leitidee: Komplexität im Hintergrund. Klarheit im Vordergrund.
Warum ein neuer Zugangsweg untersucht werden sollte
Gesundheitskompetenz ist keine Selbstverständlichkeit
In einer 2026 veröffentlichten RKI-Auswertung wurden 81,3 % der Frauen und 81,0 % der Männer nach dem eingesetzten HLS19-Q12 einer geringen allgemeinen Gesundheitskompetenz zugeordnet.
Quelle: Robert Koch-Institut, Panel „Gesundheit in Deutschland“ 2024. Primärquelle
Digitale Terminwege sind längst Alltag
In einer internetrepräsentativen Befragung gaben 38 % an, innerhalb der vergangenen zwölf Monate einen Arzttermin über eine Online-Plattform gebucht zu haben.
Quelle: Verbraucherzentrale Bundesverband, veröffentlicht 2025. Quelle & Methodik
Telefonischer Zugang scheitert praktisch
51 % der befragten Nutzerinnen und Nutzer von Terminplattformen nannten als Grund unter anderem, dass telefonische Terminvereinbarung nicht möglich war oder die Praxis telefonisch nicht erreicht werden konnte.
Quelle: Verbraucherzentrale Bundesverband. Primärquelle
Versorgungssteuerung ist Förderthema
Der Innovationsfonds des G-BA hat 2026 ausdrücklich das Themenfeld „Bedarfsorientierte Steuerung in der ambulanten psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung“ ausgeschrieben.
Quelle: Gemeinsamer Bundesausschuss. Förderbekanntmachung
Die Zahlen beschreiben unterschiedliche Fragestellungen und dürfen nicht zu einer einzigen Ursache-Wirkungs-Aussage zusammengezogen werden. Sie zeigen jedoch, warum Verständlichkeit, Erreichbarkeit und verlässliche Navigation eigenständige Versorgungsfragen sind.
Unsere Antwort: Ein Zugang. Ein nächster Schritt. Keine Sackgasse.
Das Online-Zentrum soll bewusst kein möglichst großes Verzeichnis von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten werden. Der Schwerpunkt liegt auf Orientierung, Passung, realer Verfügbarkeit, Kostenklarheit und Anschlussfähigkeit.
Verständlich statt Verwaltungssprache
Menschen beantworten Fragen aus ihrem Alltag. Fachbegriffe werden dort erklärt, wo sie wirklich benötigt werden.
Fragen statt Suchen
Nicht „Welches Verfahren brauche ich?“, sondern: „Was ist gerade Ihre Situation?“
Nächster Schritt statt Trefferliste
Wenige nachvollziehbare Optionen statt hundert Namen und Telefonnummern.
Kostenklarheit vor der Buchung
Regelversorgung, möglicher Vertrag, Selbstzahlerangebot oder noch ungeklärte Kostenübernahme müssen erkennbar sein.
Keine Sackgasse
Wenn der erste Weg nicht verfügbar ist, soll eine nachvollziehbare Alternative folgen – nicht nur „keine Termine gefunden“.
Digital-first, nicht digital-only
Der schnelle digitale Weg ist zentral. Ergänzende menschliche Navigation und alternative Zugänge bleiben Teil des Modells.
So einfach soll sich der Einstieg anfühlen
Die folgende Darstellung ist bewusst keine fertige Anwendung, sondern ein Beispiel für die geplante Informationsarchitektur.
Was brauchen Sie gerade?
„Keine Sackgasse“ als Qualitätsprinzip
Das Projekt soll nicht daran gemessen werden, wie viele Treffer eine Suche ausgibt. Entscheidend ist, ob aus einem Hilfebedarf ein nachvollziehbarer Versorgungsschritt entsteht.
Bestehende Angebote sind Teil der Lösung
Terminservicestellen, Praxissuchen, Videotherapie und kommerzielle Terminplattformen leisten bereits wichtige Beiträge. Das Online-Zentrum soll diese Strukturen nicht abwerten oder ersetzen.
Der Innovationsansatz liegt an einer anderen Stelle: Wir wollen untersuchen, wie bestehende Zugangswege aus Sicht von Hilfesuchenden verständlicher zusammengeführt werden können – insbesondere dort, wo Menschen nicht wissen, welcher Weg für ihre Situation der richtige ist.
Unsere Aufgabe ist nicht, noch mehr Informationen bereitzustellen. Unsere Aufgabe ist, aus vorhandenen Möglichkeiten einen verständlichen nächsten Schritt zu machen.
Was das Online-Zentrum bewusst nicht ist
Akute Gefahrenlagen gehören in bestehende medizinische und psychiatrische Notfallstrukturen.
Ein Routing-System darf keine Psychotherapie-Indikation oder medizinische Diagnose vortäuschen.
Bestehende öffentliche Termin- und Vermittlungswege sollen sinnvoll eingebunden werden.
Behandlung psychischer Störungen erfolgt nur durch fachlich und rechtlich dazu berechtigte Leistungserbringer.
Menschliche Navigation bleibt Teil des Modells
Ein digitaler Weg ist schnell – aber nicht jede Situation lässt sich mit einem Formular lösen. Deshalb soll das Modell eine ergänzende Versorgungsnavigation vorsehen, wenn Menschen beim Übergang in die nächste Versorgungsebene Unterstützung benötigen.
Navigatorinnen und Navigatoren behandeln nicht. Sie diagnostizieren nicht. Ihre Aufgabe ist organisatorisch: erklären, Übergänge erleichtern, geeignete bestehende Wege sichtbar machen und verhindern, dass eine Person nach einem erfolglosen Kontakt wieder am Anfang steht.
Angehörige bleiben Teil des Online-Zentrums
Die bisherige Idee des Online-Zentrums – Unterstützung für Partner, Eltern, erwachsene Kinder und Familien – wird nicht verworfen. Sie wird zu einem eigenen Versorgungspfad innerhalb des größeren Modells.
Wer Hilfe für einen nahestehenden Menschen sucht, soll nicht automatisch in Psychotherapie geleitet werden. Je nach Situation können Angehörigenberatung, Familienberatung, Selbsthilfe, Suchthilfe oder eine eigene psychotherapeutische Abklärung geeigneter sein.
Mehrsprachigkeit als Zugangsfrage
BRÜCKEN arbeitet bereits mehrsprachig. Im Pilot soll deshalb untersucht werden, wie Sprache und Migrationserfahrung den Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung beeinflussen. Deutsch und Russisch sind als Ausgangssprachen vorgesehen; weitere Sprachen sollen abhängig von Bedarf, Partnerstruktur und Finanzierung ergänzt werden.
Rechtliche Architektur: Zugang organisieren, Behandlung sauber trennen
Psychotherapie bleibt eine regulierte Leistung
Nach § 1 Psychotherapeutengesetz ist die Berufsausübung als Psychotherapeutin oder Psychotherapeut an die entsprechende Berechtigung gebunden. Das Online-Zentrum soll deshalb keine therapeutische Leistung durch unqualifizierte Personen ersetzen.
Zwei mögliche Finanzierungslogiken
Regelversorgung: Psychotherapeutische Leistungen werden von entsprechend zugelassenen Leistungserbringern innerhalb der bestehenden GKV-Strukturen erbracht und abgerechnet.
Besondere Versorgung: Perspektivisch können ergänzende Versorgungsverträge nach § 140a SGB V geprüft werden. Eine pauschale Kostenübernahme durch jede Krankenkasse wird nicht versprochen.
Video ist möglich – aber nicht das Produkt
KBV-Regelungen ermöglichen Ärztinnen, Ärzten und Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten Videosprechstunden in relevantem Umfang. Das Online-Zentrum soll diese Möglichkeit nutzbar machen können, aber nicht auf reine Videotherapie reduziert werden.
Für Förderpartner & Forschung
Förderlogik
BRÜCKEN ACCESS
Modellprojekt zur Entwicklung und Evaluation eines niedrigschwelligen, patientenzentrierten und digital unterstützten Zugangs zur ambulanten psychotherapeutischen Versorgung.
Untersucht werden soll, ob eine verständliche Zugangsarchitektur, reale Kapazitätsinformationen, transparente Kostenwege und eine anschlussorientierte Navigation den individuellen Suchaufwand reduzieren und den Übergang in eine bedarfsgerechte Versorgung verbessern können.
Warum das Förderfenster 2026 besonders relevant ist
Der Innovationsfonds des G-BA hat 2026 das Themenfeld „Bedarfsorientierte Steuerung in der ambulanten psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung“ ausgeschrieben. Vollständige Anträge sind laut Förderbekanntmachung bis 20. Oktober 2026, 12:00 Uhr einzureichen.
Parallel hat das Bundeskabinett am 15. Juli 2026 den Entwurf des GeDIG beschlossen. Vorgesehen sind technische Grundlagen für digitale Erst- bzw. Bedarfseinschätzung, elektronische Überweisung und digitale Terminvermittlung; für Terminplattformen werden transparente und bedarfsgerechte Verfahren adressiert.
Die Passung des Projekts zu einer konkreten Förderbekanntmachung muss im Konsortium anhand der jeweils geltenden Förderbedingungen geprüft werden. Die öffentliche Projektseite ersetzt keine formelle Förderfähigkeitsprüfung.
ACCESS UNDER STRESS
Die Nutzerfreundlichkeit einer Gesundheitsplattform darf nicht nur mit gesunden Testpersonen in ruhiger Umgebung geprüft werden. Das Projekt soll deshalb untersuchen, ob Menschen den Zugangsweg auch dann verstehen und bewältigen können, wenn sie psychisch belastet, erschöpft, ängstlich oder kognitiv stark beansprucht sind.
Forschungsfrage: Kann ein Mensch den nächsten Versorgungsschritt verstehen und nutzen, ohne selbst zum Experten für das Versorgungssystem werden zu müssen?
Geplante Arbeitspakete
Versorgungsanalyse & Co-Design
Patientenreisen, bestehende Zugänge, Abbruchpunkte, GKV-Logik, Migrationserfahrung und Anforderungen von Leistungserbringern erfassen.
Zugangs- und Routingmodell
Fachlich sichere Entscheidungslogik entwickeln, ohne automatische Diagnose oder unzulässige Heilversprechen.
Nutzerzentrierte Zugangsarchitektur
Verständliche Sprache, mobile-first, kommunikative Barrierearmut, Mehrsprachigkeit und iterative Usability-Tests.
Kapazität & Anschluss
Erprobung, wie reale Verfügbarkeit, bestehende Terminservices und Partnerkapazitäten sinnvoll zusammengeführt werden können.
Versorgungsnavigation
Menschliche Unterstützung für komplexe Übergänge definieren, qualifizieren und mit klaren Rollen- und Datenschutzgrenzen erproben.
Evaluation & Transfer
Wirkung, Nutzbarkeit, Zugangsgerechtigkeit, Wirtschaftlichkeit und Übertragbarkeit mit wissenschaftlichen Partnern untersuchen.
Woran wir Wirkung messen wollen
Geplantes Konsortium
- BRÜCKEN Suchthilfe e.V. – Patientenperspektive, Selbsthilfe, Zugang, Migration, Co-Design und Implementierung
- Hochschule / Versorgungsforschung – Studiendesign, Evaluation, Statistik und wissenschaftliche Verwertung
- Psychotherapeutische Leistungserbringer / Praxisnetz / MVZ – fachliche Verantwortung und reale Versorgungskapazitäten
- Krankenkasse(n) – Versorgungslogik, mögliche Vertragsmodelle, Transfer und gegebenenfalls Routinedaten
- Kommunale und psychosoziale Partner – Anschlusswege außerhalb der Psychotherapie
Finanzierung: modular statt künstlich klein gerechnet
Ein belastbarer Gesamtetat soll erst nach Konsortium, Studiendesign, Fallzahlplanung und Rollenverteilung festgelegt werden. Für Förderpartner wird das Projekt modular kalkuliert, unter anderem für:
Versorgungsforschung
Studienprotokoll, Evaluation, Statistik, Publikation und Transfer.
Zugangsarchitektur
Co-Design, verständliche Sprache, UX-Forschung und Barrierearmut.
Technische Infrastruktur
Sichere Plattform, Schnittstellen, Kapazitätslogik und Datenschutz.
Versorgungsnavigation
Personal, Qualifizierung, Supervision und Übergangsmanagement.
Mehrsprachigkeit
Deutsch und Russisch als Startpunkt, weitere Sprachen nach Bedarf.
Transfer
Übertragbarkeit auf weitere Regionen, Krankenkassen und später europäische Partner.
Perspektive Europa
Der europäische Transfer soll nicht darin bestehen, dieselbe Plattform unverändert in andere Länder zu kopieren. Übertragbar werden sollen vielmehr die Prinzipien: verständlicher Zugang, transparente Kostenwege, anschlussorientierte Navigation, Mehrsprachigkeit und messbare Zugangsgerechtigkeit.
Erst wenn das Modell in Deutschland praktisch erprobt und evaluiert ist, soll geprüft werden, welche europäischen Förderprogramme und Partnerstrukturen für einen grenzüberschreitenden Transfer passen.
Quellen & regulatorischer Bezug
Der ehrliche Stand: Das neue Online-Zentrum ist ein Modellkonzept in Entwicklung, kein bereits laufendes psychotherapeutisches Versorgungsangebot. Partner, Vertragsmodelle, technische Architektur, Studiendesign, Fallzahlen und Gesamtbudget werden erst im Förder- und Konsortialprozess verbindlich festgelegt. Was wir heute klar benennen können, sind das Problem, die Zielrichtung und die Qualitätsprinzipien.
Häufige Fragen
Ist das Online-Zentrum bereits eine laufende Psychotherapie-Plattform?
Nein. Es befindet sich in Konzept- und Förderphase. Die öffentliche Seite beschreibt das geplante Modell und trennt bewusst zwischen Vision, Förderplanung und bereits bestehender Versorgung.
Bezahlt meine Krankenkasse die Psychotherapie?
Das hängt vom konkreten Leistungserbringer und Versorgungsweg ab. Leistungen der GKV-Regelversorgung sollen klar als solche gekennzeichnet werden; ergänzende Vertragsmodelle werden separat geprüft. Eine pauschale Kostenübernahme durch jede Krankenkasse versprechen wir nicht.
Ersetzt das Online-Zentrum die 116117?
Nein. Die 116117 ist ein bestehender öffentlicher Zugangsweg. Das Modell soll untersuchen, wie solche bestehenden Wege verständlich eingebunden und mit weiteren Anschlussoptionen kombiniert werden können.
Wer darf Psychotherapie anbieten?
Psychotherapeutische Behandlung soll ausschließlich durch fachlich und rechtlich entsprechend berechtigte Leistungserbringer erfolgen. Navigation, Technik und Selbsthilfe sind etwas anderes als Psychotherapie.
Was passiert in einer akuten Krise?
Das Online-Zentrum ist kein Notfall- oder Krisendienst. Für akute Gefahrenlagen gelten die bestehenden professionellen Notfall- und Krisenwege.